Die Pubertät gehört zu den prägendsten Entwicklungsphasen des Menschen. Sie umfasst tiefgreifende körperliche Veränderungen, die durch komplexe hormonelle Prozesse ausgelöst werden, sowie seelische Reifungsschritte, die den Weg ins Erwachsenenleben bahnen. Wenn diese Veränderungen jedoch zu früh, zu spät, gar nicht, oder gegengeschlechtlich einsetzen, sprechen Fachleute von Pubertätsstörungen – ein Thema, das gerade zum Internationalen Welthormontag besondere Aufmerksamkeit verdient.
Solche Störungen können Kinder und Jugendliche erheblich belasten: körperlich, indem Wachstum oder Knochenentwicklung beeinträchtigt werden, aber auch psychisch und sozial, wenn Betroffene sich von Gleichaltrigen unterscheiden oder ihr Körper nicht „mit ihnen zusammenarbeitet“. Umso wichtiger ist eine frühe medizinische Einschätzung. Das Expertisezentrum für Wachstum und Osteologie der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde informiert, klärt ab, behandelt.
Medizinisch betrachtet beschreibt Pubertätsbeginn den Zeitpunkt, an dem das Gehirn beginnt, vermehrt bestimmte Hormone auszuschütten, die die Keimdrüsen (Eierstöcke, Hoden) zur Produktion von Geschlechtshormonen stimulieren. Diese Geschlechtshormone wiederum sorgen für das Wachstum, die Entwicklung der Geschlechtsorgane und die Ausbildung äußerer Geschlechtsmerkmale wie Brustwachstum, Scham- und Axillarbehaarung, Stimmbruch oder Bartwuchs. Pubertätsstörungen inkludieren eine Vielfalt von seltenen Erkrankungen und häufigen Normvarianten der Natur mit Ursachen im Gehirn, den Keimdrüsen, den Nebennieren oder aber als Komplikation chronischer, schwerer Krankheiten.
Bleibt der körperliche Entwicklungsbeginn bis ins frühe Jugendalter aus – bei Mädchen beispielsweise, wenn sich die Brust bis zum 13. Geburtstag nicht zu entwickeln beginnt oder die erste Regelblutung ausbleibt, bei Jungen, wenn sich die Hoden bis etwa 14 Jahren nicht vergrößern – spricht man von einer verspäteten/ausbleibenden Pubertät, was unbedingt abklärungsbedürftig ist.
Bei der recht häufigen verspäteten Pubertät beginnt die körperliche Reifung deutlich später als bei Gleichaltrigen. Oft handelt es sich um eine harmlose familiäre Veranlagung – etwa wenn auch Eltern spät in die Pubertät kamen. Unterscheiden muss die Expertin oder der Experte diese „Spätentwicklungen“ jedoch von durchaus schwerwiegenden Differentialdiagnosen, z.B. Untergewicht/Magersucht, Essstörungen oder bislang unerkannten chronischen Erkrankungen. Der verzögerte Start, die ausbleibende Pubertät oder gegengeschlechtliche Pubertät kann auch durch angeborene Gen- und Chromosomenveränderungen hervorgerufen werden.
Beginnt die Pubertät hingegen bereits Jahre vor dem üblichen Alter, etwa wenn Mädchen vor dem 8. Geburtstag ein Brustwachstum zeigen oder Jungen vor dem 9. Geburtstag Hodenwachstum und Schambehaarung zeigen, spricht man von einer vorzeitigen Pubertät. Ursächlich kann eine zu frühe Aktivierung des hormonellen Regelkreises im Gehirn sein. Seltener können Störungen der Nebenniere, der Keimdrüsen oder auch Tumoren oder Umweltfaktoren dahinterstecken – weshalb eine ärztliche Abklärung durch die Kinder-Endokrinologie auch hier unverzichtbar ist.
Eine besondere Form hormoneller Störungen betrifft vor allem ältere Mädchen und Jugendliche: das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS). Bei betroffenen Mädchen und jungen Frauen sind die männlichen Hormone erhöht und erzeugen ein Ungleichgewicht. Typisch sind unregelmäßige oder ausbleibende Monatsblutungen, verstärkte Körperbehaarung, Akne oder eine Gewichtszunahme. Der namensgebende Begriff „polyzystisch“ beschreibt kleine, unreife Eibläschen im Eierstock, die sich nicht normal entwickeln. PCOS ist medizinisch mit Risiken verknüpft und kann für viele Betroffene auch psychisch belastend sein.
Je früher Pubertätsstörungen erkannt werden, desto besser lassen sie sich behandeln. Eine profunde Diagnostik durch die spezialisierte Kinder-Endokrinologie im Expertisezentrum ist hier ganz essentiell. Es geht um weit mehr als das Timing der Pubertät. Je nach zugrundeliegender Diagnose wird dort über Fertilität, zukünftige Körpergröße, Vererbung und auch Varianten der Geschlechtsentwicklung informiert. Ebenso wichtig ist die seelische Stabilität. Jugendliche, deren körperliche Entwicklung stark von der ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler abweicht, fühlen sich häufig verunsichert oder ausgegrenzt.
Eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen – Kinder-Endokrinologie, Kinderurologie, Jugendgynäkologie und bei Bedarf Psychologie – sorgt dafür, dass Betroffene umfassend begleitet werden.
Univ.-Prof. Wolfgang Högler, Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde am Kepler Universitätsklinikum und Leiter des nationalen Expertisezentrums für Wachstum und Osteologie, unterstreicht: „Pubertätsstörungen sind sehr gut behandelbar. Entscheidend ist, dass Jugendliche und Eltern ebenso wie Fachkräfte Veränderungen früh erkennen, nicht tabuisieren und Kinder frühzeitig vorstellig werden. Mit erfahrener Diagnostik und einer spezialisierten Betreuung lassen sich gesundheitliche und psychosoziale Folgen deutlich reduzieren.“
Die Therapie richtet sich stets nach der Ursache. Viele Pubertätsstörungen sind Normvarianten der Natur und benötigen nur gute Diagnostik und viel Erfahrung. Diagnostizierte Hormonausfälle allerdings benötigen eine Hormonersatztherapie, die stufenweise in ansteigender Dosierung die körperliche Reifung sicherstellen. Im Falle einer vorzeitigen Pubertät kann diese vorübergehend gebremst werden. Andere Störungen sind komplexer und seltener und bedürfen ganz individueller Aufklärung und Behandlung.
Bei PCOS können Medikamente eingesetzt werden, die den Zyklus regulieren und typische Beschwerden wie Akne oder verstärkte Behaarung lindern. Eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung spielen eine wichtige ergänzende Rolle, aber für hochgradige Adipositas sind mittlerweile auch Präzisionstherapien im Einsatz, die in die zentrale Hungerregulation eingreifen, mit sehr gutem Erfolg.
Psychologische Begleitung unterstützt Jugendliche dabei, mit den körperlichen Veränderungen und möglichen Unsicherheiten umzugehen.