Das Lachen eines Kindes, seine Stimme, sein Weinen – vertraute Geräusche, die für die meisten Menschen ganz selbstverständlich zum Alltag gehören. Für eine junge Mutter aus Oberösterreich blieben diese Momente bislang von Stille begleitet. Ihre schwere Hörbeeinträchtigung machte es ihr bisher unmöglich, selbst das Weinen ihres eigenen Babys zu hören. Am Kepler Universitätsklinikum wurde nun erstmalig in Oberösterreich und als eine der ersten Kliniken im deutschsprachigen Raum ein vollständig implantierbares Cochlea-Implantat eingesetzt.
Sämtlichen Komponenten – einschließlich des Mikrofons – liegen unter der Haut. Das System ist damit von außen unsichtbar und ermöglicht Hören rund um die Uhr, auch beim Schlafen, beim Sport, im Wasser und während des Ladevorgangs. Dies ist auch für die beiden ersten Patientinnen im KUK ein Meilenstein im Alltag. Eine junge Mutter kann durch die beidseitige Implantation ihre Kinder nun auch in der Nacht uneingeschränkt wahrnehmen. Und auch eine sportbegeisterte Schwimmerin, die in den nächsten Tagen ihr Implantat bekommt, kann ihr neues Implantat durchgehend tragen, ohne den Verlust oder Beschädigung durch Wassereintritt zu befürchten.
Die neue Technologie verbindet die Hörleistung klassischer Cochlea-Implantat-Systeme mit mehr Freiheit und damit Lebensqualität im Alltag. Zugelassen ist sie vorerst für Erwachsene, schon im kommenden Jahr wird eine Erweiterung der Zulassung für Kinder erwartet. Damit könnten sich insbesondere für die Sprachentwicklung ganz neue Perspektiven eröffnen.
„Wenn eine Mutter ihr eigenes Baby nicht lachen oder weinen hören kann, dann macht das betroffen. Und wenn die Spitzenmedizin im eigenen Bundesland ihr die Chance gibt, künftig die Stimme ihres Kindes wahrzunehmen, dann zeigt das, was medizinischer Fortschritt wirklich bedeutet. Hinter jeder Behandlung stehen Menschen, ihre Geschichten und ihre ganz persönlichen Hoffnungen. Genau dafür investieren wir in eine starke Gesundheitsversorgung in Oberösterreich: Damit Spitzenmedizin genau dort ankommt, wo sie am meisten bewirkt – bei den Oberösterreicherinnen und Oberösterreichern“, sagt LH-Stv.in Mag.a Christine Haberlander.
„Hörverlust ist eine unsichtbare Einschränkung, die durch außen getragene Hörsysteme sichtbar wird. Das birgt immer wieder auch die Gefahr einer Stigmatisierung. Mit diesem neuen Cochlea-Implantat können PatientInnen hören, ohne dass das Implantat von außen erkennbar ist. Betroffene berichten, dass sie sich unabhängiger fühlen und selbstbewusster am Leben teilnehmen können. Entscheidend ist aber auch die Möglichkeit, ohne Unterbrechung zu hören und im Alltag nicht ständig an das Implantat denken zu müssen“, sagt Univ.-Prof. Dr. Meinhard Lukas, Geschäftsführer des Kepler Universitätsklinikums.
Cochlea-Implantate haben das Hören für hunderttausende Menschen mit schwerem bis hochgradigem Hörverlust weltweit nachhaltig verändert. Mit dem vollständig implantierbaren System steht nun erstmals eine Lösung zur Verfügung, die ohne außen getragene Komponenten auskommt. Das reduziert den Aufwand im Alltag und verhindert, dass externe Teile verloren gehen oder beschädigt werden.
Das implantierte Mikrofon nimmt den Schall durch die Haut auf. Das System wandelt die Signale in elektrische Impulse um und leitet sie an die Elektrode in der Cochlea weiter. Dort wird der Hörnerv stimuliert, sodass das Gehirn die Signale als Klang wahrnehmen kann. Weil keine externen Komponenten erforderlich sind, ist Hören ohne Unterbrechung möglich.
„Zum ersten Mal wird unsichtbares Hören mit einem Cochlea-Implantat möglich. Für die Betroffenen bedeutet das einen neuen Zugang zum Hören. Die Technik eignet sich für Menschen mit schwerer bis hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit, die auch für ein klassisches Cochlea-Implantat infrage kommen“, sagt Prim. Dr. Paul Martin Zwittag, MBA, MSc, Vorstand der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum.
„Die implantierbare Mikrofontechnologie ist der entscheidende Innovationsschritt. Die Schallaufnahme durch die Haut galt lange als größte Herausforderung bei der Entwicklung vollständig implantierbarer Cochlea-Implantate. Nun steht ein Mikrofon zur Verfügung, das vollständig unter der Haut verbleibt und zugleich eine klare, hochwertige Klangwahrnehmung ermöglicht. Die Hörleistung ist mit jener klassischer Cochlea-Implantat-Systeme vergleichbar. Besonders freut mich die Aussicht, künftig auch Kinder mit dieser Technologie versorgen zu können – das könnte ein wesentlicher Vorteil für die Sprachentwicklung sein“, sagt Prim. Dr. Paul Martin Zwittag, MBA, MSc.
Die Patientin, Sie möchte anonym bleiben, ist einen Tag nach der OP wohlauf: „Ich hatte Angst, dass ich mit einem normalen Cochlea-Implantat meine beiden Kinder in der Nacht vielleicht nicht hören könnte. Jetzt mache ich mir keine Sorgen mehr und kann als Mutter für meine Kinder ganz anders da sein“, ist die junge Oberösterreicherin überglücklich.
Mag.a
Astrid Petritz
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